Malerischer Sprechakt

 

Wer heute, in Zeiten der Pandemie, auf mundlose Gesichter schaut, hat Masken im Sinn. Und in der Tat könnte man daran denken, wenn man die Figuren der Malerin Elif Çelik betrachtet: Es fällt auf, dass überall die Mundpartie ausgespart ist. Es geht der Künstlerin jedoch nicht um Corona-Statements, sondern um eine Haltung von Sprachverweigerung und Sprachlosigkeit. Um dies auch auszudrücken, bedient sie sich der Sprache der Malerei. 

Als Muslima, gebürtig aus Ulm, hat sie es satt, sich immer wieder zu erklären, ob sie deutsch sei oder nicht – zumal wenn sich die Frage am Kopftuch festmacht. Fakt ist: Elif Çelik hat zwei Identitäten. Darüber will sie nicht mehr reden, basta. Aber hinter dieser entschiedenen, selbstbewussten Verweigerung steckt auch das ohnmächtige Unvermögen, gegen die Ignoranz und Vorurteile anzutreten. Rational, sprich: argumentativ, kann man nicht dagegen ankommen. Als gäbe es keinen Mund, um das auszudrücken, was keiner Erklärung bedarf.

Die Botschaft ist klar. Die Bildsprache Elif Çeliks geht jedoch weiter. Es geht ihr um jede Form der Ausgrenzung, weshalb ihre Protagonist*innen letztlich geschlechtslos sind. Ungeachtet des brisanten Gehalts erhebt die Künstlerin ihr Anliegen mit rein malerischen Mitteln. Erst 1997 geboren, hat sie ihren Weg bereits gefunden. Ihr Studium begann sie bei Volker Lehnert, setzte es bei Holger Bunk fort und ist zur Zeit in der Klasse von Alisa Margolis. Sieht man ihre Arbeiten, meint man allerdings nicht nur einer Studentin gegenüber zu stehen, sondern einer beachtlichen jungen Künstlerin. Bravourös negiert sie den perspektivischen Raum, um die figurativen Szenerien ganz aus der Fläche der Leinwand herauszuarbeiten. Ein oft ornamental gestalteter Teppich in Draufsicht ergibt einen gefühlten Raum. Da er in Draufsicht gezeigt ist, die Figuration allerdings von der Seite erfasst sind, betreten wir einen fiktiven Raum, werden Teil einer Gemeinschaft. Manche Personen scheinen chagall-artig zu schweben, andere liegen oder sitzen bei einem Glas Tee. Mit einer Ausnahme, bei der die Dargestellten Alien-Köpfe haben – brutal macht Elif Çelik hier auf die Welten aufmerksam, die zwischen Vorurteil und Einsicht liegen - , lässt sie die Menschen hier konsequent eher gestisch als mimisch miteinander kommunizieren. Frei von anatomischen Zwängen, fügt sie ihr gemaltes Personal in ihre grandiose Komposition ein. Da bedarf es großer Füße, um den Platz zu füllen, dort verschmelzen die Beine zu flossenartigen Schwänzen, hier kommen amöbenartig fließende Körperformen zum Einsatz, dort gibt die Malerin den Menschen feste Gliedmaßen, um die Komposition streng zu konturieren. Die Farbpalette ist expressiv, lässt aber geometrischen Formelementen freies Spiel. Dass die Menschen hier mal hell und mal dunkel, mal blau und mal gelb erscheinen, ist dieser Expressivität geschuldet, meint aber freilich auch: Welche Ethnien auch immer, wir sind alle gleich in unserer Individualität und untereinander. 

Elif Çelik geht noch weiter. Die Menschen blicken nahezu ausschließlich aus dem Bild heraus. Sie betrachten uns. Oder sie schauen zurück. Hier kommt das Anliegen zur Sprache. Der Betrachter muss sich fragen oder sich befragen lassen, wie er auf andere schaut. Ertappen wir uns, wie wir jemanden mit anderer Haut sehen oder mit Kopftuch und denken, der- oder diejenige sei uns fremd wie ein Alien? Oder lassen wir uns von der Gemeinschaft der Mundlosen einladen, um wie selbstverständlich und ohne Worte Teil dieser ungewöhnlichen Menschengruppen bzw. Figurationen zu werden? Es ist faszinierend, dass die Künstlerin eine allzu einfache Abgrenzung eines Diesseits und Jenseits von der Leinwand vermeidet. Damit würde sie ja selbst irgendwie Partei ergreifen – à la: hier die Ausgegrenzten, dort die Ausgrenzer. Subtil macht Elif Çelik auf die Schwellen innerhalb jeder Gesellschaft aufmerksam. Formal hat sie zunächst das runde Leinwandformat bevorzugt, um eine Fokussierung anzudeuten, wie sie eine runde Komposition nahelegt. Danach griff sie inhaltlich ein: In unzähligen kleinen Strichen baut sie ein Spannungsfeld um einzelne Figuren herum, als seien sie unnahbar. Oder sie lässt die Striche teilweise über die Nebenfiguren hinwegfließen, wodurch sie wie durch einen Schleier gesehen werden. 

In einer neueren Arbeit hat Elif Çelik Reproduktionen der Deutschlandkarte als Collagenhintergrund auf die Leinwand geklebt. Während die meisten Arbeiten ohne Titel bleiben, gab sie diesem Bild den türkischen Namen für Deutschland: »Almanya«. Müssen es immer zwei Seelen in einer Brust sein? Elif Çelik scheint sich nach einer eigenen Identität zu sehnen, die – nach Johann Wolfgang Goethes Gedicht »Gingko biloba« - »eins und doppelt« ist. Ihr Werk fordert auf, unsere Haltung zu befragen und gegebenenfalls zu überdenken, sie gibt aber dank ihrer Bildsprache eine eigene versöhnliche Wegrichtung. Das tut sie übrigens auch in ihren Grafiken und Glasarbeiten, letztere unter Einbeziehung von Positiv-/Negativ-Strukturen. Durch die expressive Gestaltung bleiben ihre Werke zwar stumm, aber sie sind von einer atemberaubenden Beredsamkeit und sie geben uns aktive Impulse und drastische Winke, um bei allen Unterschiedlichkeiten in der Herkunft, im Weltverständnis und in der Persönlichkeit darüber nachzudenken, wie wir miteinander auskommen. Ihre form- und farbsichere Malerei macht deutlich, dass für alle genügend Platz ist, um ins Bild zu passen. 

 

Dr. Günter Baumann, November 2021

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